An der Bergstation steht ein Pfosten mit sechs Tafeln. Vier sind ganz gelb, eine läuft in eine weiss-rot-weisse Spitze aus, die sechste ist blau und zeigt Richtung Gletscher. Viele Gäste lesen nur Ziel und Zeit und marschieren los. Die wichtigste Angabe steckt aber in der Farbe: Sie sagt, welche Ausrüstung und wie viel Erfahrung ein Weg verlangt.
Rund 65’000 Kilometer Wanderwege ziehen sich durch die Schweiz, beschildert an etwa 50’000 Wegweiser-Standorten. Das System ist landesweit einheitlich, eine Tafel im Jura bedeutet dasselbe wie eine im Engadin. Wer Besuch aus dem Ausland hat, merkt beim Erklären rasch, dass schon die Begriffe nicht deckungsgleich sind: Aus dem englischen «sign» wird im Schweizer Hochdeutsch je nach Zusammenhang ein Wegweiser, ein Signal oder ein Schild. Wie sich diese Wörter voneinander abgrenzen, zeigt die Übersicht auf https://signs-ch.com/ mit Beispielen aus dem Strassenverkehr und vom Wanderweg.
Drei Farben, drei Anforderungsprofile
Gelb ist die Grundfarbe des Schweizer Wanderns, und zwar seit 1934. In jenem Jahr entstand die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege, deren Ziel eine einheitliche Kennzeichnung war. Heute kennt das System drei Wegkategorien. Die Farbe beschreibt jeweils, wie stark ein Weg ausgebaut ist und was von den Wandernden erwartet wird.
| Kategorie | Kennzeichnung | Das wird vorausgesetzt |
| Wanderweg | gelbe Wegweiser, gelbe Rhomben | übliche Vorsicht; feste Schuhe sind empfohlen |
| Bergwanderweg | gelbe Wegweiser mit weiss-rot-weisser Spitze, weiss-rot-weisse Farbstriche | Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, Schuhe mit griffiger Sohle, topografische Karte |
| Alpinwanderweg | blaue Wegweiser mit weiss-blau-weisser Spitze, weiss-blau-weisse Farbstriche | sehr gute Verfassung, Höhenmesser und Kompass, auf Gletschern Seil und Pickel |
Bergwanderwege sind überwiegend steil und schmal, heikle Passagen sichern Seile oder Ketten. Auf Alpinwanderwegen darf man solche Hilfen nicht erwarten. Dort führt die Route teils weglos über Geröll und Schneefelder, kurze Kletterstellen inklusive. Der Schritt von Weiss-Rot-Weiss zu Weiss-Blau-Weiss ist deshalb grösser, als die ähnliche Gestaltung vermuten lässt.
Alt: Was die Wegweiser auf Schweizer Wanderwegen verraten
Was eine einzelne Tafel alles verrät
Ein Wegweiser ist dichter beschriftet, als man beim schnellen Hinsehen meint. Zuoberst am Pfosten nennt ein Schild den aktuellen Standort, meist mit der Höhe über Meer. Auf den Richtungstafeln darunter folgen die Ziele in fester Reihenfolge, das nächstgelegene steht jeweils zuoberst.
Neben den Zielen steht die Wanderzeit in Stunden und Minuten. Gemeint ist die reine Gehzeit ohne Pausen. Ein Trennstrich zwischen zwei Zielen kündigt an, dass sich die Route später verzweigt. Kleine Piktogramme zeigen, ob am Ziel eine Haltestelle, ein Aussichtspunkt oder ein Restaurant wartet.
Grüne Felder mit Nummer und Namen kennzeichnen signalisierte Wanderrouten. Einstellige Nummern stehen für nationale Routen, zweistellige für regionale. Dreistellige oder gar keine Nummern tragen lokale Routen. Wer einer bestimmten Route folgt, orientiert sich an Verzweigungen am einfachsten an diesem grünen Feld.
Woher die Zeitangaben stammen
Bis in die 1980er-Jahre liefen Menschen die Strecken ab, um die Wanderzeit zu bestimmen. Das Ergebnis hing stark davon ab, wen eine Gemeinde losschickte. Heute berechnet eine Software die Zeiten nach einer Formel, die seit 2006 schweizweit gilt. Einbezogen werden Distanz und Steigung, nicht aber der Zustand des Weges oder die persönliche Kondition.
Zu Hause am Küchentisch genügt eine Faustregel. Im flachen Gelände rechnet man mit 4 Kilometern pro Stunde, also einer Viertelstunde pro Kilometer. Pro 100 Höhenmeter Aufstieg oder 200 Höhenmeter Abstieg kommt je eine weitere Viertelstunde dazu. Eine Tour über 8 Kilometer mit 600 Metern Aufstieg ergibt so zwei Stunden für die Strecke und anderthalb für die Höhe, zusammen dreieinhalb Stunden reine Gehzeit.
Führt ein Weg zu einer Bergstation, wird die Zeit teilweise leicht aufgerundet. So verpasst niemand die letzte Bahn ins Tal. Bei sehr steilen oder schwierigen Abschnitten prüfen Fachleute die Zeit manchmal noch immer zu Fuss vor Ort.
Zwischen zwei Standorten: Rhomben, Pfeile, Farbstriche
Nicht an jeder Abzweigung steht ein beschrifteter Pfosten. Dort übernehmen Richtungszeiger die Führung, also Wegweiser ohne Ziel und ohne Zeit. Sie tragen allenfalls ein Piktogramm oder ein Symbol.
Auf längeren Abschnitten ohne Verzweigung bestätigen aufgemalte Markierungen, dass die Richtung stimmt. Auf Wanderwegen ist das der gelbe Rhombus an Mauern, Pfählen oder Bäumen. Auf Bergwanderwegen sind es weiss-rot-weisse Striche, häufig auf Steinen und Felsblöcken. Bei Nebel lohnt es sich, bewusst von Markierung zu Markierung zu gehen, statt sich auf die Erinnerung an den Aufstieg zu verlassen.
Pink statt Gelb: Wandern im Winter
Gelb markierte Wege sind für die schnee- und eisfreie Zeit gedacht. Im Winter werden sie nicht unterhalten. In höheren Lagen bauen die Zuständigen im Herbst teils sogar Brücken oder Wegweiser ab, damit Lawinen sie nicht beschädigen. Ein gelber Wegweiser im Schnee ist also kein Hinweis darauf, dass der Weg begehbar ist.
Ein eigenes Netz von rund 6’000 Kilometern steht für die kalte Jahreszeit bereit, signalisiert in Pink. Winterwanderwege werden präpariert und tragen ein Wander-Piktogramm. Schneeschuhrouten bleiben naturbelassen und sind am Schneeschuh-Symbol zu erkennen. Ihre Schwierigkeit zeigen die Starttafeln in Blau, Rot oder Schwarz an, ähnlich wie bei Skipisten. Die pinke Beschilderung wird jede Saison neu montiert und am Ende des Winters wieder entfernt.
Wo sich Wandernde am häufigsten verschätzen
Die meisten Missverständnisse wiederholen sich Jahr für Jahr. Diese fünf lassen sich mit einem zweiten Blick auf die Tafel vermeiden:
- Die Zeitangabe wird als Tagesplan gelesen, obwohl sie weder Pausen noch Fotostopps enthält.
- Ein weiss-rot-weisser Abschnitt wird in Turnschuhen begangen, weil der Weg zu Beginn breit und harmlos wirkt.
- Das gewünschte Ziel steht auf zwei Tafeln unterschiedlicher Farbe, und gewählt wird einfach die Richtung, die gerade näher liegt.
- Eine blaue Tafel wird für eine touristische Zusatzinformation gehalten, obwohl sie einen Alpinwanderweg ankündigt.
- Hoch gelegene gelbe Wege werden im Spätherbst begangen, obwohl Brücken oder Wegweiser schon für den Winter abgebaut sind.
Erst die Farbe, dann das Ziel
Dass das System überall gleich aussieht, hat eine rechtliche Grundlage. Nach dem Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege von 1985 sind die Kantone für Anlage und Signalisation zuständig. In den meisten Kantonen übernehmen die kantonalen Wanderweg-Fachorganisationen die Beschilderung, unterstützt von über 2’000 Freiwilligen. Defekte oder falsche Tafeln lassen sich beim Dachverband Schweizer Wanderwege melden.
Für die eigene Tour bewährt sich eine feste Reihenfolge: zuerst die Farbe prüfen, dann Ziel und Zeit, zuletzt die Symbole. Passt die Kategorie nicht zu Schuhwerk oder Erfahrung, lohnt der Blick auf die Wanderkarte, auf der die Wege ebenfalls farbig eingezeichnet sind. Für den Notfall gehört die Rega-Nummer 1414 ins Telefon, die europäische Notrufnummer 112 funktioniert ebenfalls.